normal

Bericht der Fachtagung: Das sozialethische Erbe von Joseph Ratzinger / Benedikt XVI.

Mit über 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmern zur Tagung „Das sozialethische Erbe von Joseph Ratzinger / Benedikt XVI.“ an der Kölner Hochschule für Katholische Theologie (KHKT) ist die Anziehungskraft und Relevanz dieses Theologen auf dem Stuhle Petri sattsam belegt. Die Veranstaltung eröffnete der Rektor der Hochschule, Prof. Dr. Christoph Ohly, mit dem Ansinnen durch diese Tagung auch die Expertise Joseph Ratzingers / Benedikt XVI. zu sozialethischen Themen in der wissenschaftlichen Erforschung erschließen zu wollen. Besonders gestärkt wurden diese Tage durch den „interdisziplinären Charakter“ der Tagung, die in Kooperation mit dem Institut für ökonomische Bildung der Universität Münster (Prof. Dr. Christian Müller) und der Joseph Höffner Gesellschaft für christliche Soziallehre organisiert wurde.
Der Papst-Biograph, Peter Seewald, zeichnete in seinem Eröffnungsbeitrag am Abend des ersten Tages mit journalistischer Lebhaftigkeit das Bild eines Mannes, der in ihm selbst die Konversion vom Kommunisten zum Katholiken hervorrief. Seewald verstand es, die Person Ratzingers vor pauschalen Stereotypen zu bewahren, aber auch den „Panzerkardinal“ in der Erfahrung seiner eigenen menschlichen Schwäche lebendig werden zu lassen. Dieser wohlwollende Auftakt ließ für den zweiten Tag der Veranstaltung auf weitere wissenschaftliche Vertiefung und Analyse hoffen.
Der zweite Tagungstag war zunächst von Panels durchzogen: Msgr. Prof. Dr. Peter Schallenberg verwies in seinem Vortrag „Zur Wiederentdeckung des augustinischen Naturrechts bei Joseph Ratzinger“ auf die denkerische Verwandtschaft von Augustinus und Ratzinger und nicht zuletzt auf die notwendige Grundlegung jeder Ethik im Kult (von Kultur). Der Mensch komme zu sich selbst, nicht durch das, was er tut, sondern durch das, was er empfängt – was seinem Selbstbestimmungswunsch klare Grenzen setzt. Parallel dazu sprach Prof. em. Dr. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz zum Thema „Zur Ökologie des Menschen. Gender und Leiblichkeit im Blick Joseph Ratzingers“. Die Ratzinger-Preisträgerin kommentierte die Regensburger Rede und hob die bleibende Wichtigkeit des päpstlichen Briefes „Schreiben an die Bischöfe der katholischen Kirche über die Zusammenarbeit von Mann und Frau“ aus dem Jahr 2004 hervor. Nicht nur die Befreiung der Frau zu ihrem eigenen Wesen wurde betont, sondern auch die bedenkenswerte Einsicht, dass der Leib nicht das Problem, sondern die Lösung ist. Der Vortrag von Prof. Dr. Paul van Geest aus Rotterdam „Die ‚unsichtbare Hand‘ bei Joseph Ratzinger und die Auswirkungen seines Vortrags von 1985 über Markt, Wirtschaft und Ethik“ belegte die Themenbreite Ratzingers Denken sowie dessen Rezeption weit über binnenkirchliche Diskurse bis in die Gegenwart hinein.
An die erste Phase von Panels anschließend sprach Prof. em. Dr. Manfred Spieker aus Osnabrück im Plenum zum Thema: „Der Schein. Joseph Ratzinger und Schwangerschaftskonfliktberatung in Deutschland“. Mit profunder Kenntnis der Situation, als auch mit eigenen Erfahrungen angereichert, wusste Spieker das moralische Dilemma einer Mitwirkung an der Schwangerschaftsberatung darzulegen. Deutlich trat das Dilemma hervor, welches durch die divergierenden Positionen zwischen dem deutschen Episkopat und dem römischen Lehramt (in Person Ratzingers) entstehen musste: Viele Menschen hatten durch ihre Mitwirkung an der Konfliktberatung erkennen müssen, dass sie nach römischer Sicht sich einer „cooperatio ad malum“ schuldig gemacht hatten. Die Frage nach klarer Orientierung von Seiten kirchlicher Verantwortungsträger war damit auch für die heutige Zeit gestellt.
P. Dr. Dr. Justinus C. Pech OCist aus Eisleben ging in zweiten Plenumsvortrag auf das Thema „Entweltlichung und katholische Soziallehre“ bei Ratzinger ein. Die Exegese und Aktualisierung Ratzingers Reden „Die neuen Heiden und die Kirche“ und die Freiburger Konzerthausrede zur „Entweltlichung“ veranlassten Pech zu der Erkenntnis, dass die Kirche sich selbstbewusst von der Welt unterscheiden müsse, um in die Welt hineinwirken zu können. Dabei gehe es nicht um eine Ablehnung, sondern eine Überbietung der Welt aus den Grundlagen christlicher Moral.
Am Nachmittag sprach in einem der drei weiteren Panels P. Prof. Dr. Martin Üffing SVD aus St. Augustin zum Thema „Zum Missio Dei-Gedanken (Mission als Mission Gottes zum Heil der Menschen) bei Joseph Ratzinger“. Prof. Martin Üffing zeigte dazu in seinem Vortrag zur Missio Dei die christologische und trinitarische Grundlegung des Missionsgedanken im Denken und in den Schriften von Joseph Ratzinger / Benedikt XVI. auf. Bereits bei seiner Mitarbeit zur Vorbereitung des Konzilsdokuments Ad Gentes spielte die Missio Dei, d.h. Gottes Wille zum Heil und zur Rettung des Menschen, eine wichtige Rolle.  Prof. Dr. Jörg Althammer aus Ingolstadt referierte zum Thema „Die Katholische Soziallehre im Zeitalter globaler Krisen. ‚Caritas in Veritate‘ aus ökonomischer Perspektive“. Die profunde ökonomische Analyse und der Abgleich des „orthodoxen Models“ mit Ratzingers sozialethischen Prinzipien vermochte eine wichtige Erweiterung der tugendethischen Perspektive durch die Exegese der institutionsethischen Aspekte zu leisten. Moral soll nicht erst nach oder außerhalb des Marktes virulent werden, sondern durch Gemeinwohlorientierung und Gerechtigkeit sein Fundament und seine Grenze bilden. Das Gemeinwohl sei der politische Weg der Nächstenliebe und ein notwendiges Gegengewicht des moralfreien und egoistischen Interessenkalküls. Unentgeltlichkeit und die Logik des Geschenkes sollen diesem Eigeninteresse und dem Warentausch ein Gegengewicht bieten. Frau Dr. Theresia Theuke, Direktorin der YOUCAT-Foundation, gab einen geschichtlichen sowie theologischen Einblick in den „Menschenwürdebegriff des Grundgesetzes im Sog des Relativismus“. Gegen eine von Joseph Ratzinger am Vorabend seiner Papstwahl sogenannte „Diktatur des Relativismus“ sprach er sich mit Blick auf die Menschenwürde, so Theuke, auch als Papst aus, unter anderem durch die Betonung des Naturrechts in seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag. Im „Sog des Relativismus“ bedarf es dringend der Rückbesinnung auf ein gemeinsames Wertefundament, das in besonderer Weise der christliche Glaube bieten kann.
Die gehaltenvollen Panels wurden am Abend durch eine Podiumsdiskussion unter Leitung von Prof. Dr. Manuel Schlögl (KHKT) zusammengeführt. Prof. Schallenberg schloss darin mit der augustinischen Ermahnung passend ab: „Ihr seid die Zeiten.“ – wenn also die Zeiten schlecht sind, müssen wir uns bessern.

 

Links zu Pressemeldungen:

Großes Interesse an Vortrag von Ratzinger-Biograf - DOMRADIO.DE

Papst Benedikts Rede vom Naturrecht ist Antwort auf Diktatur des Relativismus: KHKT-Tagung (catholicnewsagency.com)

„Ratzinger war seit jeher ein Stein des Anstoßes“: Papstbiograf Seewald bei KHKT-Tagung (catholicnewsagency.com)

Auf Schatzsuche mit Benedikt XVI. | Die Tagespost (die-tagespost.de)

Tagung in Köln: Joseph Ratzinger hat „Dinge so klar benannt“ - Vatican News

None
None
None
None
None
None
None
None
None
None
None
None
None
None
None
None