Prof. Dr. Gianluca De Candia
50935 Köln
Schwerpunkte
Systematische Schwerpunkte in Lehre und Forschung
- Erkenntnistheorie und Hermeneutik
- Notwendigkeits-, Möglichkeits-, Freiheitsdenken
- Metaphysik und Begriffsgeschichte
- Wissenschaftstheoretische Fragen der Geisteswissenschaften
- Philosophische und theologische Gotteslehre
- Ästhetische Dimension des Religiosen
Historische Schwerpunkte in Lehre und Forschung
- Mittelalter (insb. Anselm von Canterbury und Duns Scotus)
- Frühe Neuzeit (Descartes, Pascal, Malebranche, Leibniz)
- Deutsche Aufklärung (insb. Kant, Lessing)
- Deutsche Idealismus (insb. Schelling)
- Existenzialismus (insb. Kierkegaard)
- Philosophie des 20. und 21. Jh.s (Husserl, Heidegger, Gadamer, Pareyson, Vattimo, Eco, Cacciari)
Publikationen
Luigi Pareyson: Ästhetik Theorie der Formativität, übers., hrsg. und eingeleitet von G.-B. Demarta, mit einem Geleitwort von G. De Candia, Mimesis Verlag, Mailand-Udine.
Die Verspätung, mit der dieser Klassiker aus dem zeitgenössischen italienischen Denken im Bereich der Ästhetik nun zum deutschsprachigen Publikum kommt, wird nicht erst durch die rückblickende Vorstellung der idealistischen Stagnation aufgeholt, in die aus einer Randlage der modernen Philosophie der schwere Stein dieser Theorie der Formativität geworfen wurde, die im Gefolge des homo formans die geschlossene Sphäre des Künstlerischen sprengte. Gerade nach dem Niedergang der Hermeneutik im Sinn einer philosophischen Strömung ist es noch fruchtbarer, am Leitfaden der Analyse einer eminent versuchshaften und erfinderischen künstlerischen Erfahrung das unerhörte Spannungsfeld einer ›hermeneutischen Differenz‹ gegenüber Gadamer zu eröffnen. Die Interpretationstheorie, die auf diesen Seiten überprüft wurde, stammte nicht aus einer Ontologie des Kunstwerkes, die auf der Suche nach einer Ersatzform des objektiven Geistes war, sondern aus der Treue zur existentialistischen Revolte, die Pareyson dagegen in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts überführte. Der unvollendete Hintergrund einer destrukturierenden Lektüre der Kritik der Urteilskraft wird zum Anlass genommen, um auf die größte unbewältigte Subjektivierung in der Geburtsurkunde der Ästhetik zu fokussieren, welche die siegreiche Fassung der Hermeneutik daran gehindert hat, eine Syntonisierung mit der regenerierenden ›hermeneutischen Wende‹ des Philosophierens auch nur zu versuchen, was den heutigen Stand der deutschen Philosophie am besten beleuchtet.
Herausgegeben, übersetzt und eingeleitet von Giovanni-Battista Demarta Mit einem Geleitwort von Gianluca De Candia und einem Begleitaufsatz von Umberto Eco
Luigi Pareyson: Die Existenzphilosophie und Karl Jaspers, übers., hrsg. und eingeleitet von G.-B. Demarta, mit einem Geleitwort von G. De Candia, Mimesis Verlag, Mailand-Udine.
Wenn sie nicht nur mit den verschwommenen Linsen gelesen werden, die angesichts des neuesten Standes der Forschung nur eine veraltete und anachronistisch übersetzte Monographie über Jaspers sehen lassen, dann verströmen die philosophischen Anfänge eines der wichtigsten italienischen Denker aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts all ihre unbequeme Aktualität. Die Auseinandersetzung mit dem Philosophen aus Oldenburg hängt am seidenen Faden einer – im Denken Pareysons nie verleugneten – Verteidigung der Gründe der existentialistischen Bewegung, in deren Namen sie mit einem Abschied vom zentralen Gesprächpartner schließt. Ihr Nachtrag aus der ersten Nachkriegszeit schärft das heute seltene Gespür für eine damals anbrechende philosophische Restauration, die am Beispiel Jaspers’ die letzten großen und rätselhaften Denkerfahrungen in Europa nach Hegel in eine ungestörte philosophische Tätigkeit ›ergänzt‹ hat, so dass der Leitfaden einer allgemeinen und unbewältigten ›Rehegelianisierung‹ den Anlass zu einer noch ungeschriebenen Gegengeschichte der deutschen Philosophie nach dem Zweiten Weltkrieg bietet.
Luigi Pareyson: Wahrheit und Interpretation, übersetzt und hrsg. von G. De Candia (Philosophische Bibliothek 761) Felix Meiner Verlag, Hamburg.
Luigi Pareyson (1918-1991) gehört zu den Begründern der modernen philosophischen Hermeneutik. Diese Ausgabe eröffnet erstmals in deutscher Übersetzung den Zugang zu seinem 1971 erschienenen Hauptwerk zur Philosophie der Interpretation, an dem er seit den 1940er Jahren intensiv arbeitete. Seine Kritik an allen wichtigen Strömungen des XX Jahrhunderts (Existenzialismus, Marxismus, Psychoanalyse, Neopositivismus, Pragmatismus, Ideologie- wie Entmythologisierung, Traditionalismus) erweist sich immer noch als höchst aktuell. Alternativ zum heute dominierenden historistischen, pragmatistischen oder technikfixierten Denken besteht für ihn die Aufgabe der Philosophie darin, das Denken in seiner ursprünglich ontologischen Dimension zu fundieren und somit den Wahrheitsbegriff wieder ins Zentrum zu stellen. Dabei geht es nicht primär um ein analytisches Verständnis der Wahrheit, das diese lediglich auf der Ebene des Propositionalen gelten lässt, sondern um die Wahrheit als unerschöpfliche Offenbarkeit des Seins, die die Freiheit des Interpreten fördert und einfordert. Diese Spannung zwischen Wahrheit und Interpretation motiviert Pareysons Plädoyer für eine pluralistische und eben nicht relativistische Konzeption der Wahrheit, die im geschichtlichen Ereignischarakter des Seins begründet ist und in seiner Einzigartigkeit und unendlichen Fruchtbarkeit sich nur einer Vielzahl von Zugängen und Perspektiven erschließt.
Der Sprung in den Glauben. Von der existentiellen Relevanz des Christentums, Herder Verlag, Freiburg i. Br.
Nichts steht uns näher als unsere Existenz. Doch gibt es Fremdheitserfahrungen, in denen wir einen Sprung machen müssen, um uns selbst nahezukommen. Ähnliches gilt für den christlichen Glauben, in dem Ahnung und Wissen, Vertrautheit und Sprung ins Fremde, Gottes- und Selbsterkenntnis einander finden. Ausgehend von lebensweltlichen Vorgängen und Erfahrungen wie Geburt, Fragilität und Erpressbarkeit des Menschen und Phänomenen wie Spiel, Charme, Humor, Liebe und der leiblichen Konkretheit entwickelt De Candia einen umfassenden theologischen Verständnishorizont, um Urthemen des Glaubens (Gottesbejahung, Erbsünde, Christologie, Gnade, Trinität, Auferstehung) als existenzrelevant zu erweisen. Die Lektüre ist eine Art Entdeckungsreise in die Landschaft des christlichen Lebens, die erfreuen soll und einen stimmigen Zugang zu diesem erschließen möchte. Gerade eine solch bescheidene Hermeneutik im Modus des „positiven Vielleicht“ soll die „Optionswürdigkeit“ des Christentums für heute plausibel erscheinen lassen.
Der Titel wurde vom Sankt Michaelsbund und dem Borromäusverein ausgezeichnet als „Das Religiöse Buch des Monats Juli 2023“.
Unter diesem Link ist das Inhaltsverzeichnis und die Einleitung des Buches abrufbar.
Il forse bifronte. L’emergenza della libertà nel pensiero di Dio. Mimesis. Milano.
Aus dem Vorwort von Thomas Leinkauf:
«In Bezug auf Gott konnte immer nur das Denken, konnten immer nur wir schwanken – er selbst stand ohne Vielleicht fest in sich selbst. […] Mit der Geschichte jedoch kommt die Zeit, mit der Zeit hingegen auch die Möglichkeit und mit der Möglichkeit auch das Vielleicht in Gott selbst hinein. Zumindest werden alle diese Bestimmungen zu Momenten unserer begrifflichen Erfassung Gottes (so dramatisch etwa bei Schelling). Damit sind wir bei der Thematik, die Gianluca De Candia sich in diesem hochinteressanten Buch vorgenommen hat, beim Vielleicht und bei dessen dialektischer, zweiseitiger Natur […] De Candia unterscheidet für seine Untersuchung drei Formen des Vielleicht: eine freiheitliche, eine konjektural-hermeneutische und eine amphibolische. […] Diese drei Formen bewegen sich zusätzlich noch innerhalb der Klammer zwischen einem „forse maggiore“, dem eine „positive“ Valenz zukomme und einem „forse minore“, das sein „negatives“, skeptisches Gegenpart ist – und können auch oszillieren von einer Perspektive zur anderen. Die sachliche und historische Entwicklung des „Vielleicht“ zielt aber, so legt es die Deutungsoperation De Candias nahe, auf ein „gefährliches“ Vielleicht, das, in der Nachfolge Nietzsches und in der durch Heidegger inspirierten italienischen Denktradition, den zeitgenössischen Diskurs stimuliert.»
Unter diesem Link ist das Inhaltsverzeichnis und das Vorwort von Thomas Leinkauf abrufbar.
Luigi Pareyson, Vom Staunen der Vernunft, hrsg., übers. und eingeleitet von G. De Candia. Münster. Aschendorff Verlag.
»Mit diesem Werk hat Gianluca De Candia seiner wertvollen Vermittlungsarbeit zwischen der italienischen und deutschen Philosophie einen weiteren Baustein hinzufügt.« Gianni Vattimo
Luigi Pareyson ist bislang im deutschsprachigen Raum wenig bekannt, obwohl seine Werke in viele Sprachen übersetzt wurden, da er zweifellos neben H.-G. Gadamer und P. Ricoeur zu den Begründern der modernen philosophischen Hermeneutik gehört. Aufgrund seiner intellektuellen Vielfältigkeit hat er viele seiner Schüler, zu denen Umberto Eco und Gianni Vattimo gehören, inspiriert und ihnen ein breites Spektrum eröffnet, das von idealistischen Ansätzen über die Hermeneutik bis zur ästhetischen Theorie reicht. Der Band liefert eine vielfältige, zugleich aber in sich kohärente Skizze wichtiger Motive seiner Philosophie: die Hauptzüge seiner Fichte- und Schelling-Interpretation, die Grundlagen seiner ,,Ontologie der Freiheit“, seine philosophische Hermeneutik der religiösen Erfahrung, die Grundlinien seiner Ästhetik und schließlich Überlegungen, die die soziale Funktion betreffen, die der Philosophie zukäme. Wie ein roter Faden zieht sich durch alle diese Beiträge eine intellektuelle Haltung des Staunens. Es ist die Haltung eines Nicht-völlständig-Begreifens angesichts des menschlichen Daseins und seiner Freiheit, des Bösen in der Geschichte, des Phänomens der überschwänglichen Schönheit, der Deutungskraft des Mythos, der unvermeidbaren Andersheit des Anderen und des Ichs selbst. Und es ist genau dieses Staunen, das die Menschen – seit den Anfängen bis heute – zum Philosophieren veranlasst.
Auf der Seite des Verlags ist die Publikation bereits ab sofort als EBook PDF erhältlich.
Der Anfang als Freiheit. Der Denkweg von Massimo Cacciari im Spannungsfeld von Philosophie und Theologie. Freiburg/München. Karl Alber Verlag
Massimo Cacciari ist einer der bedeutendsten zeitgenössischen Philosophen Italiens. Dieses Buch ist die erste umfassende deutschsprachige Monographie zu seinem Denkweg. In Auseinandersetzung mit dem spekulativen Denken von Augustinus bis Schelling und dem christlichen Trinitäts- und Schöpfungsgedanken entwickelt er die kühne Idee eines Anfangs vor allem Anfangen – um der absoluten und gelösten Freiheit Gottes und der Menschen willen. Von da her kommt er zu überraschenden Einsichten in die theologisch-metaphysischen und politischen Gesetze der europäischen Kulturgeschichte, die einen kritischen Doppelblick auf das Woher und Wozu von Sein und Denken sowie eine theologische Relektüre klassischer Themen ermöglichen und erfordern.
Unter diesem Link ist das Inhaltsverzeichnis und die Einleitung des Buches abrufbar.
[Rez. von Ugo Perone in: Schelling-Studien. Internationale Zeitschrift zur klassischen deutschen Philosophie, Band 8, Verlag Karl Alber, Freiburg/München 2020, 267-271; Rez. von St. Lüttich in: PhTh 95 (2020), 449f.]
Die KHKT als Kooperationspartner des „International Institute for Hermeneutics“ (IIH)
Das International Institute for Hermeneutics / Institut International d'Herméneutique (IIH) wurde 2001 von Prof. Dr. Andrzej Wierciński gegründet, um eine allgemeine Hermeneutik zu fördern und zu artikulieren, eine Aufgabe, die eine intensive interdisziplinäre Zusammenarbeit erfordert. Die Schwerpunkte des Instituts liegen in der Philosophie, der Religionswissenschaft und der vergleichenden Literaturwissenschaft. Das Feld der Hermeneutik umfasst heute jedoch alle Geistes- und Sozialwissenschaften. Die Mitglieder des Instituts konzentrieren sich auf die konkrete Tätigkeit der Textinterpretation, auf die Förderung der hermeneutischen Forschung und auf die Unterstützung von Universitäten und Bildungseinrichtungen bei der Integration hermeneutischer Fragestellungen in die Lehre. Obwohl Englisch die Hauptsprache des Instituts ist, ist das IIH ein Haus der Sprachen und arbeitet bewusst mehrsprachig. Ziel des IIH ist es, die Grenzen zu überwinden, die den akademischen Dialog behindern: Grenzen zwischen Fakultäten, Disziplinen, Kulturen, Sprachen und religiösen Traditionen.
Das IIH ist ein unabhängiges, internationales und interdisziplinäres Forschungsinstitut, das durch einen internationalen Beirat und ein Netzwerk von Universitäten weltweit verbunden ist. Der Lehrstuhl für Philosophie und Dialog mit der Gegenwartskultur (Prof. Dr. Gianluca De Candia) und die KHKT reihen sich damit in ein breites Netzwerk von Universitäten und Forschungszentren ein.
LINK: International Institute for Hermeneutics
Interuniversitären Zentrums für Studien über das Symbolische
Die KHKT und der Lehrstuhl für Philosophie und Dialog mit der Gegenwartskultur als Kooperationspartner des „Interuniversitären Zentrums für Studien über das Symbolische“ (Vercelli – Turin – Mailand)
Zu den von Kölner Hochschule für Katholische Theologie bisher geschlossenen Kooperationen etwa mit drei päpstlichen Universitäten in Rom, mit Mexiko City und der Catholic Academy (Collegium Joanneum) aus Warschau ist nun eine weitere Kooperation mit den Universitäten von Ostpiemont (Vercelli), Turin und Mailand im Rahmen des „Interuniversitären Zentrums für Studien über das Symbolische“ (Centro Interuniversitario di Studi sul Simbolico – CISS) hinzugekommen.
Die Initiative entspringt dem Wunsch, die moderne Wendung eines uralten Problems zu analysieren, das sich durch die gesamte philosophische Reflexion zieht. Das Symbolische gehört nicht nur zum Bereich des Religiösen und der Ästhetik, sondern erstreckt sich auf viele Wissensbereiche und steht quer zur Trennung zwischen humanistischen und wissenschaftlichen Studien. Die Liste der Bereiche, in denen es erforscht wird, ist umfangreich: philosophisch (in verschiedenen Deklinationen: theoretisch, ästhetisch, historisch-philosophisch, moralisch, sprachphilosophisch), politisch, soziologisch, juristisch, anthropologisch-kulturell, paläoanthropologisch, psychologisch und psychoanalytisch, pädagogisch, religiös, theologisch, mathematisch, in den kognitiven Wissenschaften, in den Neurowissenschaften, in der Architektur und der Stadtplanung, in den visuellen Wissenschaften.
Die Forschung wird von den philosophischen Fakultäten oder in jedem Fall unter Einbeziehung des Fachbereichs Philosophie gefördert, nicht um in den spezialisierten Interessen der letzteren verhaftet zu bleiben, sondern weil die Philosophie in diesem Fall und auf diese Weise eine ihrer grundlegenden Aufgaben erfüllt, nämlich sich als Raum für kritische Konfrontation und synergetische Kommunikation zwischen Disziplinen und Forschungsbereichen anzubieten.
Dieses Abkommen soll den wissenschaftlichen Austausch zwischen den drei genannten italienischen stattlichen Universitäten und der KHKT fördern und einen Beitrag zu einer Verständigung verschiedener philosophischer, theologischer und kulturwissenschaftlicher Grundfragen leisten.
Wir freuen uns auf die zukünftige Zusammenarbeit!
LINK: CISS (Interuniversitären Zentrums für Studien über das Symbolische)
Albertus-Magnus-Institut
Die KHKT und der Lehrstuhl für Philosophie und Dialog mit der Gegenwartskultur als Kooperationspartner Albertus-Magnus-Instituts
Zum Gedenktag des hl. Albertus Magnus am 15. November haben die Kölner Hochschule für Katholische Theologie (KHKT) und das Albertus-Magnus-Institut Bonn eine umfangreiche Kooperation vereinbart. Die Zusammenarbeit ist nach Aussage des Vertragstextes darauf ausgerichtet, „durch eine enge Kooperation zwischen Hochschule und Institut in Lehre und Forschung das Studium der mittelalterlichen Philosophie in ihrer gesamten Breite zu fördern“. Dabei sollen Forschung und Lehre, so betonten Professor Marc-Aeilko Aris als Rektor des Instituts und Professor Christoph Ohly als Rektor der KHKT, „auf eine Weise erfolgen, welche die Relevanz der mittelalterlichen Philosophie auch für Fragen unserer Zeit in eine breitere Öffentlichkeit hinein vermittelt“. Die Kooperation tritt mit Beginn des Sommersemesters 2024 in Kraft.
Philosophie und Dialog mit der Gegenwartskultur
Zum Studium der katholischen Theologie gehört auch die Philosophie. Ihre Rolle besteht vor allem darin, die richtigen Fragen über die Möglichkeiten, Voraussetzungen und Grenzen menschlichen Erkennens und Handelns zu stellen und nach deren Antworten zu suchen. Dabei versteht sich die Philosophie nicht nur als Teildisziplin, sondern vor allem als Habitus und übergreifendes Moment theologisch verantwortlichen Bemühens um gedankliche Klarheit über Mensch, Welt und Gott. Nach Immanuel Kant lassen sich alle philosophischen Fragen auf vier Grundfragen zurückführen:
Was kann ich wissen?
Was soll ich tun?
Was darf ich hoffen?
Was ist der Mensch?
Die Erforschung der Problematisierungs- und Problemlösungsgeschichte dieser Grundfragen und der daraus resultierenden neue Fragestellungen im Bereich der Politik-, Kultur-, Kunst-, Film- und Medienphilosophie bildet einen Schwerpunt des Lehrstuhles „Philosophie und Dialog mit der Gegenwartskultur“ an unserer Hochschule.
M23b | Seminar WS 2024/25 | Prof. Dr. Gianluca De Candia
Anlässlich des 125. Geburtstags von Hans-Georg Gadamer (1900-2002) widmen wir uns in diesem Seminar der Lektüre und Diskussion seines Hauptwerks „Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik“ (1960). Dieses Werk gilt als eine der bedeutendsten philosophischen Schriften des 20. Jahrhunderts und als grundlegender Text der Hermeneutik. „Wahrheit und Methode“ wird nicht verstanden als Methodenlehre der literarischen Textinterpretation, sondern vielmehr, angeregt durch Heideggers „Sein und Zeit“ (1927), als Lehre des Verstehens überhaupt. Die Studierenden sollen Gadamers zentrale Begriffe wie „Wahrheit“, „hermeneutischer Zirkel“', „Vorurteil“, „Verstehen“ und „Horizontverschmelzung“ kritisch hinterfragen im Kontext der hermeneutischen Diskussion eine eigene philosophische Position entwickeln.
Das Seminar basiert auf einer Kombination aus Vorträgen des Dozenten, intensiven Textanalysen, Gruppenarbeiten und offenen Diskussionsrunden. Die aktive Teilnahme und regelmäßige Lektüre der zugewiesenen Textpassagen sind entscheidend für den Erfolg des Seminars. Durch Lektürepensum und Leseprotokolle werden die fehlenden Stunden ausgeglichen.
Literatur:
- Hans-Georg Gadamer: Gesammelte Werke, Tübingen 1985–1995, Bd. 1: Hermeneutik I: Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik, GW 1, J. C. B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen 1990. Der Text wird in Auszügen zur Verfügung gestellt.
- G. De Candia, Wirkungsgeschichte und kontinuierliche Geltung. Verstehen, Interpretieren und das Ziel des zustimmungsfähigen Sinnzusammenhanges. In: Zeitschrift für Theologie und Philosophie 146 (2024), 167–196.
- Weitere Sekundärliteratur und weiterführende Texte werden im Verlauf des Seminars bekannt gegeben.
Zeit
Donnerstag 10. Oktober von 9:15 – 11:00
Freitag 25. Oktober von 9:15 – 11:00
Donnerstag 14. November von 9:15 – 11:00
Freitag 22. November von 9:15 – 12:00
Donnerstag 28. November von 9:15 – 11:00
Freitag 13. Dezember von 9:15 – 12:00
Freitag 24. Januar von 9:15 – 11:00
M1 | Vorlesung WS 2022/23 | Prof. Dr. Gianluca De Candia – Dr. Sebastian Wolter
mittwochs vom 18.10.2023–22.11.2023, 12:15–16:00 Uhr
„Credo, quia absurdum est“ („Ich glaube, weil es unvernünftig ist“) – Mit diesem Satz soll der römische Schriftsteller Tertullian den Glauben diametral von der Vernunft geschieden und einen unüberbrückbaren Widerspruch zwischen beiden errichtet haben. Damit eröffnete er einen Konflikt, der sich von der Antike über das Mittelalter bis in die Neuzeit zieht. Gerade die Auseinandersetzungen zwischen Kirche und Wissenschaft in der rationalistischen Aufklärung haben nicht selten zu Frontstellungen geführt, die bis heute nicht aufgelöst werden konnten. Während Tertullian den Konflikt zwischen Glauben und Vernunft in der Antike noch (wenn auch auf fideistische Weise) zugunsten des Glaubens entschied, so zieht die heutige Gesellschaft oft die Vernunft vor. Im Credo der alleingültigen Wissenschaft findet der Glaube keinen Platz mehr.
Es ist wahr: Wie kann der Mensch von heute eine richtige Entscheidung treffen, wenn ihm Glaube und Vernunft als sich ausschließende Optionen vorgelegt werden? Der philosophische Teil der Vorlesung „Glaube und Vernunft“ möchte hingegen in fünf Kapiteln zeigen, dass sich der Mensch diese Frage gar nicht stellen braucht. Denn wie das erste Kapitel verdeutlicht, können Glaube und Vernunft durchaus als Ergänzung betrachtet werden; in diesem Sinne versöhnt Papst Johannes Paul II. in seiner Enzyklika Fides et Ratio eine uralte Diastase. Ausgehend von dieser Grundlage, die eine weitere theologische Beschäftigung mit der Vernunft erst rechtfertigt, verschreibt sich das zweite Kapitel der philosophischen Erkenntnistheorie: Was bedeutet das Erkennen für den Menschen, wenn er etwas glaubt, meint oder sogar weiß? Und wie verhält er sich zu den Einwänden des Skeptizismus, der sicherer Erkenntnis entschieden widerspricht und stattdessen eine Matrix oder Gehirne im Tank für plausibel hält?
Die Kapitel III und IV fragen intensiv nach demselben Wissen, das vom Skeptizismus in Abrede gestellt wird. Welche Arten von Wissen sind bekannt und wann kann man nach kanonischer Definition von einem echten Wissen sprechen? Was bedeutet eine wahre, gerechtfertigte Überzeugung? Das fünfte Kapitel versucht abschließend, das Wissen durch Modifikationen seiner traditionellen Definition vor dem Skeptizismus zu bewahren. Die Beispiele Edmund Gettiers, der Externalismus und ihre Beurteilung bieten interessante Anhaltspunkte für die alles entscheidende Frage im Verhältnis von Glauben und Vernunft: Inwiefern ist Wissenschaft dem Glauben überhaupt epistemologisch voraus?
Immanuel Kants Metaphysik der Sitten (MdS, 1797) bildet die Fortsetzung der Kritik der praktischen Vernunft (KpV, 1788): In der KpV zeigt Kant anhand des kategorischen Imperativs auf, dass sittliches Handeln in der Pflicht besteht, nur verallgemeinerbare Grundsätze zur Maxime des freien Willens zu nehmen. Die MdS setzt sich nun damit auseinander, welche Pflichten der Mensch im Einzelnen hat, und zwar zum einen, welche Pflichten er sich nur selbst auferlegen kann (Tugendlehre), und zum anderen, welche Pflichten er in Anbetracht der Freiheit eines jeden auch anderen auferlegen und von anderen auferlegt bekommen kann (Rechtslehre).
In diesem Seminar wollen wir uns eingehend mit Kants Rechtslehre auseinandersetzen. Dabei wird ausgehend von der Frage, was das Recht überhaupt ist (d.h. welche Form zwischenmenschlichen Ansprüchen zugrunde liegt), ein Bogen geschlagen über den Beweis eines allgemeinen Menschenrechts, die Frage nach der Rechtmäßigkeit und Durchsetzbarkeit von Privateigentum (Privatrecht), die Möglichkeit und Notwendigkeit eines republikanischen Staates auf der Grundlage eines vertraglichen Zusammenschlusses freier Menschen (Staatsrecht), bis hin zu einer globalen Staatenvereinigung als Bedingung der Möglichkeit weltweiten Friedens und der Freiheit jedes Einzelnen (Völker- und Weltbürgerrecht).
Die MdS ist dabei nicht nur ein zentrales Werk politischer Philosophie: Indem Kant das Miteinander von Menschen im Privaten, als Bürger und als Teil einer weltweiten Gemeinschaft auf allgemeingültige Grundsätze zurückführt, zeigt die MdS die Prinzipien auf, denen auch unser heutiges Gemeinwesen und die heutige Staatengemeinschaft verpflichtet sind. Die Metaphysik der Sitten ist damit eine wichtige Lektüre in einer Zeit von Kriegen und der drohenden Erosion liberal-demokratischer Staaten.
Als Textgrundlage eignet sich jede Ausgabe der Metaphysik der Sitten (bzw. der Rechtslehre als ihrem ersten Teil), die die Seitenzählung der Erst- und Zweitausgabe mitführt, z.B.: Immanuel Kant: Die Metaphysik der Sitten. Werkausgabe Bd. 8, herausgegeben von Wilhelm Weischedel (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 190).
Für die Verbuchung der Studienleistung einer aktiven Teilnahme muss ein einführendes Kurzreferat gehalten werden.
M23b Dr. Sebastian Wolter
donnerstags, 10:15-11:00 (nur bis 28.11.)
„Lernt lesen!“ (Nietzsche, Morgenröthe, Vorrede § 5) In diesem einstündigen Lektüreseminar soll das Lesen geübt werden. In einer Zeit der "schwitzenden Eilfertigkeit, das mit allem gleich »fertig werden« will" (ebd.) wollen wir "gut lesen, das heißt langsam, tief, rück- und vorsichtig, mit Hintergedanken mit offengelassenen Türen, mit zarten Fingern und Augen lesen." (Ebd.) Die Textauswahl aus den Bereichen Philosophie und Patrologie wird zu Beginn des Semesters vom Dozenten zur Verfügung gestellt und umfasst ca. 1-2 Seiten pro Sitzung, die langsam gelesen, kommentiert und diskutiert werden sollen. Das Gespräch in der Arbeitsgruppe soll methodisch im Vordergrund
stehen. Es können anfangs, aber auch im Verlauf des Kurses, erwünschte Lektürevorschläge gerne Berücksichtigung finden, sodass die Studierenden Gelegenheit haben für Sie interessante Texte gemeinsam zu reflektieren. Ein gewisses Methodenhandwerk zum "richtigen" Lesen (Exzerpieren, Zusammenfassen, Kommentieren) wird vermittelt und erprobt, sowie einige wenige Dos & Donts des wissenschaftlichen Lesens besprochen. Wer sich für vertieftes Lesen begeistern kann: - Tolle lege!
Short term Visiting Professor Award 2023
Philosophischen Fakultät der Universität Ostpiemont (Università del Piemonte Orientale), vom 27. November bis zum 1. Dezember 2023.
Italienischer Staatspreis für Philosophie 2023
„Premio Nazionale di Filosofia – Le figure del pensiero“ im Bereich alternativer Formen des Philosophieren (18.06.2023)
Auszeichnung der beiden katholischen Büchereiverbänden in Deutschland 2023
Auszeichnung von „Der Sprung in den Glauben. Von der existenziellen Relevanz des Christetums“ (Herder 2023) als „Religiöses Buch des Monats“ (Juli 2023). Das „Religiöse Buch des Monats“ wird seit dem Jahr 2000 von den beiden katholischen Büchereiverbänden in Deutschland, dem Michaelsbund (für Bayern) und dem Borromäusverein (außerhalb Bayerns) ausgewählt.
Auszeichnung der Zeitschrift: Selecciones de teología 2014
Auszeichnung der Jesuiten-Zeitschrift: Selecciones de teología. Una revista que selecciona y condensa los mejores artículos de teología publicados en revistas de todo el mundo: Übersetzung ins Spanische des Artikels: Hoc est corpus. Der Beitrag der Theologie zum philosophischen Denken der Leiblichkeit. In: Selecciones de teología. Condensación de los mejores artícuolas de teología, 54 (2014), 15-38.
Alexander von Humboldt-Fellowship
Projekt: "Wandlungsprozesse des Christentums in Europa. Zur Neubestimmung christlicher Grundannahmen"
- Gesamtfördersumme: 113.400 Euro
- Juni 2014 - Mai. 2017
WWU-Fellowship
- Gesamtfördersumme Euro 8.000
- Nov. 2017 - Jan. 2018
- Übersetzung ins Deutsche des Essays von Luigi Pareyson: Filosofia ed esperienza religiosa
DFG-Projekt (Eigene Stelle)
Projekt: "Philosophische Hermeneutik der religiösen Erfahrung in Luigi Pareyson und seiner Schule"
- Gesamtfördersumme: Euro 267.250
- März 2018 - September 2021
DFG-Sachmittel: "Philosophische Hermeneutik der religiösen Erfahrung in Luigi Pareyson und seiner Schule"
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Gesamtfördersumme: (Restmittel)
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März 2023 - Dezember 2023
Im Umfeld der mitteleuropäischen Philosophie der letzten Jahrzehnte war die Dekonstruktrion nicht die einzige Weise einer Hermeneutik des Christentums. Eine Alternative zu dieser findet sich bei dem Turiner Philosophen Luigi Pareyson (1918-1991) und dem Teil seiner vielen Schüler, die seiner Ontologie der Freiheit als einer Auslegung der religiösen Erfahrung gefolgt sind. Ein andere Zweig, mit Gianni Vattimo, Umberto Eco und Mario Perniola an der Spitze, hat sich mehr an der Vorläufigkeit aller Hermeneutik, dem ästhetischen Charakter alles Erfahrens und der offenen Zeichentheorie orientiert. Das Verdienst der weniger bekannten ersten Denkform liegt darin, dass sie die Deontologisierung der Hermeneutik überwindet, ohne in eine Ontotheologie zurückzufallen, und zugleich das Wahrheitspotential der biblischen Offenbarungsthemen wertschätzt, ohne den fragmentarisch-vorläufigen Charakter aller Wahrheit zu verkennen, wie sie das nachmetaphysische Denken nahelegt. Noch weniger wird die bleibende und darin fruchtbare Spannung zwischen religiöser Unmittelbarkeit und philosophischer Vermittlung geleugnet. Die Auslegung dieser wichtigsten Schulrichtung im Italien nach dem Zweiten Weltkrieg möchte auf genetisch-geschichtliche wie systematische Weise den Weg nachzeichnen, der von den personalistischen hermeneutischen und ontologischen Voraussetzungen und Wegmarken zum späten Denkstil Pareysons führt, der um die Ausarbeitung einer Hermeneutik der religiösen Erfahrung kreist. Zugleich wird die fruchtbare Geschichte der Rezeption bei Philosophen wir Ugo Perone, Claudio Ciancio und Sergio Givone in den Blick genommen, die das Denken der Freiheit und der freien, aber nicht beliebigen Auslegung in Form und Inhalt – eben in aller Freiheit weiterführen, darin doch den oben genannten Anwälten des ‚schwachen Denkens‘ nicht unähnlich.
Für die Theologie ist ein solches Programm reizvoll und anregend für die Ausarbeitung einer ontologisch fundierten hermeneutischen Vernunft, die ihrem universalen Anspruch auf kritische, manchmal abgründige Weise gerecht wird. Das Denken Pareysons und seiner Schule bezeugen durch alle Schattierungen hindurch, dass christliche Motive immer noch die Philosophie herausfordern und ihr Wahrheitsanspruch der Konfrontation mit der Lebenswelt standhalten kann.
Dr. theol. Sebastian Wolter
Beauftragten für Studenten und Mitarbeiter mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen
Studierende mit Behinderung können sich mit Fragen, die sich im Zusammenhang mit ihrem Studium ergeben, an den Beauftragten wenden.
Vereinbaren Sie gerne eine Sprechstunde per Email.
Für eine erste Orientierung kann der Nachteilsausgleich im Download-Bereich hilfreich sein.
Dr. phil. Fidelis Regi Waton SVD
Publikationen
Die Provokation des Guten. Arendts philosophische Untersuchung zur Frage nach Schuld und Verantwortung unter der totalitären Herrschaft. Religion – Staat – Kultur. Interdisziplinäre Studien aus der Hu
Lit-Verlag 2016.
„Der Freiheitsbegriff bei Hannah Arendt: Freiheit, frei zu sein“
In: „Das Leiden an der Freiheit“: Jahrbuch der Philosophisch-Theologischen Hochschule SVD St. Augustin. Vol. 6 (2018).
„Die eine Wahrheit“
In: „Die Menschen lügen. Alle! (Ps 116,11). Das Leben mit alternativen Wahrheiten“. Akademie Völker und Kulturen 2017/18.